Wie Hessen von Herborn lernt

Von Jörg Weirich 
Feuerwehr als Lehrfach: Im Wahlpflichtunterricht der siebten Klassen haben hier gerade 15 Comeniusschüler Leiterkunde mit Brandmeister Jens Krämer und Drehleitermaschinist Philipp Küth von der Freiwilligen Feuerwehr Herborn. Foto: Siegfried Gerdau

HERBORN - Herborns Freiwillige Feuerwehr ist auf dem Gebiet des Brandschutzes und der Gefahrenabwehr schon mehrfach Vorreiter gewesen - beispielsweise durch die Bevorratung von Löschwasser in Abrollcontainern, was zu einem kreisweiten System wurde, oder das Bereithalten eines mobilen Hochwasserdamms. Schon seit einigen Jahren ist sie es auch auf dem Gebiet der Nachwuchsgewinnung, und nun findet sie dafür hessenweit Beachtung.

Das Kultusministerium, das Innenministerium und die Serviceagentur "Ganztägig lernen" der gemeinnützigen Deutschen Kinder- und Jugendstiftung GmbH haben ein Aktionsprogramm "Mehr Ehrenamt an Schulen" ins Leben gerufen. Dazu werden sechs Regionalkonferenzen abgehalten - eine davon kürzlich im Feuerwehrstützpunkt in der Herborner Au. Sie hatte den Schwerpunkt Hilfsorganisationen, speziell Feuerwehren.
Wehrführer Jens Krämer ist der Mann für die Schule
Dabei stellte die Herborner Wehr ihre Kooperation mit der Herborner Comeniusschule vor, wie Stadtbrandinspektor Kai Reeh berichtet. Angefangen hatte diese im Schuljahr 2011/12 mit einer Feuerwehr-Arbeitsgemeinschaft (AG). Orientiert am Alter von Jugendfeuerwehrmitgliedern - diese sind in der Regel 10 bis 16 Jahre alt - und auf freiwilliger Teilnahme basierend, war sie offen für alle interessierten Schüler. Alle zwei Wochen stand nachmittags zwei Schulstunden lang sozusagen Feuerwehrkunde auf dem Lehrplan. "Wir verfolgten damit auch das Ziel, Interesse bei den Schülern abzuklopfen, um sie dann vielleicht tatsächlich für die Feuerwehr zu gewinnen", sagt Reeh.
Herborns Stadtbrandinspektor Kai Reeh. Foto: Feuerwehr Herborn

Herborns Stadtbrandinspektor Kai Reeh. Foto: Feuerwehr Herborn

Nach einem Jahr änderten die Partner das Konzept erstmals: "Wir haben gemerkt, dass die Altersspanne zu groß war", sagt Reeh. Fortan wurde die AG nur noch für die Klassen 7 bis 10 angeboten.
Zum Schuljahr 2016/2017 stellten Schule und Wehr das Projekt ein zweites Mal um: Seitdem gibt es an der Comeniusschule Feuerwehr als Fach im Wahlpflichtunterricht (WPU). Wie schon in den AGs davor machen durchschnittlich 15 bis 20 Jungen und Mädchen mit - nun aber mit dem Unterschied, dass es offizieller Unterricht ist und dieser jede Woche zwei Schulstunden umfasst. Da werden auch Arbeiten geschrieben, und am Ende gibt es eine Note, die im Zeugnis auftaucht.
Für ihre Kooperation haben die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Herborn und die Leitung der Comeniusschule in Herborn einen Vertrag geschlossen. Schließlich müsse beispielsweise auch versicherungsrechtlich alles geklärt sein, erläutert Stadtbrandinspektor Kai Reeh. In den Formulierungen des Vertragswerks geht es auch um Fragen wie: "Wer hat die Aufsichtspflicht? oder auch "Wer kann und darf auch mal sanktionieren?" "Wir haben das so geregelt, dass das alles bei der Schule bleibt", sagt Reeh. (jöw)
Dafür haben Wehr und Schule einen Vertrag geschlossen. Wie schon die AGs wird auch der Wahlpflichtunterricht "im Team bedient". Heißt: Die Schule stellt einen Lehrer - derzeit ist das Christian Kramer - und die Feuerwehr ebenso. Den Job hat Herborns Wehrführer Jens Krämer. Als Vertreter von Krämer fungiert in Notfällen Philipp Küth.
Krämer erfüllt die Aufgabe dauerhaft: "Wir haben schon von Anfang an gesagt", erzählt Reeh, "dass das immer dieselbe Person sein muss. Wenn da jede Woche ein anderer in die Klasse kommt, dann klappt das nicht."
Was die Anerkennung aus Wiesbaden anging, hatte sich die Herborner Feuerwehr schon früher Erfolge gewünscht: 2014 stellte sie ihr Projekt in der entsprechenden Fachabteilung des Innenministeriums vor und habe damals auch Fördermittel dafür in Aussicht gestellt bekommen, sagt Reeh: "Dann kam aber nichts. Und was man sagen muss: Das Kultusministerium hat der Comeniusschule große Schwierigkeiten gemacht. Es war nicht nur dagegen, sondern hat auch versucht, die Zusammenarbeit zu verhindern."
Aber dann kam ein Zufall ins Spiel, erzählt Reeh und lacht bei der Erinnerung daran: Während einer Veranstaltung des Landesfeuerwehrverbands traf er einen alten Bekannten aus gemeinsamen Zeit bei der Frankfurter Berufsfeuerwehr.
Der hatte inzwischen nebenbei Lehramt studiert und war ins Innenministerium abgeordnet, um dort ein Projekt zu betreuen. Und das war: "Schule und Feuerwehr".
Reeh berichtete ihm von der Zusammenarbeit in Herborn ("Wir machen das schon." "Wie, Ihr macht das schon?!"), und fortan lief alles besser. "Er hat uns dann auch Türen geöffnet", sagt Reeh.
Als für das Projekt eine Modellregion aufgebaut werden sollte, die grundsätzlich im Rhein-Main-Gebiet anzusiedeln war, wurden die Herborner aufgrund ihrer Vorkenntnisse mit darin aufgenommen. Sie und die Feuerwehr Rodgau gehören als Vorreiterprojekte zu der Ministeriumsaktion "Mehr Feuerwehr in die Schulen", an der 17 Feuerwehren beteiligt sind. Sieben davon betreuen derzeit Pilotprojekte, neun andere haben bereits Förderungen für ihre Schulangebote erhalten.
"Unser großes Ziel ist es", erklärt Reeh, "am Ende von zwei Jahren Wahlpflichtunterricht zu einem Zertifikat oder anders gearteten Abschluss zu kommen, damit die Schüler nachweisen können, dass sie die Feuerwehrgrundausbildung schon absolviert haben, und in eine Feuerwehr gehen können, ohne dort wieder bei Null anfangen zu müssen."
Der WPU vermittele all das, was in der zwei Jahre dauernden Grundausbildung bei der Feuerwehr gelehrt wird. Schon deswegen orientiere sich der Unterricht an der entsprechenden Dienstvorschrift - "wenn wir das auch in der Schule etwas spielerischer handhaben", sagt Reeh. "Aber es wird auch mehr wiederholt. Und dazu kommen noch Besuche bei Feuerwehren oder auch mal beim Rettungshubschrauber in Siegen."
Im Wahlpflichtunterricht geht es laut Reeh "um chemische und physische Grundlagen, um Mechanik, um brennen, löschen, auch um Erste Hilfe. Es geht um das Kennenlernen der Geräte und deren Funktionsweise. Warum macht es einen Unterschied, ob ich etwas mit Wasser lösche oder mit Pulver?" Das bringe im Umkehrschluss auch den Schülern und der Schule etwas, weil zum manchmal doch zu theoretischen Unterricht durch die Feuerwehr nun auch praktische Anwendungen und Vorführungen kämen. "Die Schüler haben da auch richtig Spaß dran, weil sie selbst anfassen dürfen und weil sie sehen, dass was passiert und warum es das tut."
Fünf Schüler sind tatsächlich bei der Feuerwehr gelandet
Bisher haben fünf Comeniusschüler aus den AGs und dem WPU tatsächlich den Weg zur Herborner Feuerwehr. Ob auch andere Feuerwehren in der Nachbarschaft vielleicht schon davon profitiert haben, weiß Reeh nicht. "Das macht aber auch nichts", sagt er. "Wir denken da eher langfristig. Nach der Schule kommt die Berufsausbildung oder eine weiterführende Schule und vielleicht auch noch ein Studium. Da ist dann wieder keine Zeit für die Feuerwehr. Aber danach dann vielleicht wieder, und auch darauf bauen wir."
Auf dem "Markt der Möglichkeiten" bei der Regionalkonferenz in Herborn haben die Gastgeber ihr Projekt vorgestellt. Die Teilnehmer - sie kamen nicht nur von Feuerwehren, sondern auch vom Roten Kreuz und anderen Hilfsorganisationen - konnten dort auch noch andere, ähnliche Kooperationen kennenlernen. Im Mittelpunkt stand jedoch die Zusammenarbeit von Herborner Feuerwehr und Comeniusschule.
Weitere Informationen dazu gibt es bei Kai Reeh und Jens Krämer, 02772-9 59 30, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.


 

 

 

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